Wenn es heute Ereignisse gibt, die sich tief in das kollektive Gedächtnis eingraben und eine kollektiv geteilte kulturelle Erfahrung des Spektakulären anzeigen, dann sind es die sogenannten Amokläufe und School Shootings. Neben der spektakulär inszenierten Tatausgestaltung und der willkürlich erscheinenden Grausamkeit der Taten ist an diesen Gewaltphänomenen so frappierend, dass sich reales und mediales Geschehen hier in einer Weise überblenden, die sie nahezu ununterscheidbar werden lässt. Geschieht ein Amoklauf, so scheint er in der medial aufbereiteten Rezeption einer Dramaturgie zu folgen, wie sie lange aus Thriller und Mystery Film bekannt ist. Sämtliche Ästhetiken und Praktiken des Amok sind so gesehen Medienzitate oder, in der laufenden Debatte immer wieder aufgerufen, durch Medieninhalte inspiriert – lange schwarze Trenchcoats wie in The Matrix, psychotische Pamphlete gegen den Widersinn der Welt wie in Seven, etc.pp. – und gehen später ihrerseits als neue Zitate in das Darstellungsrepertoire folgender Tatgestaltungen über.
Welche Taten als Amoklauf oder als School Shooting klassifiziert werden, ist zudem Aufgabe einer a posteriori erfolgenden medialen Betrachtung und Kategorisierung. Die Realität des Gewalteinbruchs als Amoklauf stellt sich somit erst im Nachgang zur Tat her; der Täter selbst muss nicht zwingend auf sie zurückgreifen. So gesehen ist Amok ein rein epistemologisches, diskursgeneriertes (und zugleich diskursgenierendes) Problem, welches aus einer medial operierenden Koalition aus Kriminologen, Psychologen, weiteren Experten und Journalisten generiert wird. Diese Zuschreibungen und Definitionen werden von späteren Tätern oftmals mit einem auffällig hohen Grad der Selbstreflexion wieder angewendet und fortgeschrieben. Somit erfolgt nicht nur die Wirklichkeit des Amoks, sondern auch seine Kommunikation nahezu ausschließlich medial. Amok ist darüber hinaus ein nachholendes Medienphänomen, bei dem es nur eine Frage der Zeit zu sein scheint, bis eine professionelle Kamera mitläuft, so wie dies ironisch in Henry, Portrait of a Serial Killer vorweggenommen wird. Die Protagonisten des Amok bedienen sich der ganzen Bandbreite an zur Verfügung stehenden medialen Kulturtechniken, die stets spezifische Medientechniken und Genre-Ästhetiken teils erstaunlich professionell zitieren und so die mediale Nachverhandlung ihrer Tat bereits aktiv vorbereiten. Schließlich wird das Phänomen des Amoklaufens ausgiebig in verschiedenen Medienformaten (insbesondere aber im Spielfilm) aufbereitet, kommentiert, analysiert und stilisiert.

Wenn hier daher die mediale Aufbereitung, Distribution und Repräsentation von Amok gewissermaßen eine Produktion (weniger eine Konstruktion) von Wirklichkeit generiert, bei der am Ende nicht mehr erkennbar ist, ob soziale Wirklichkeit medial induziert ist oder ob Medienrepräsentationen Wirklichkeit im doppelten Sinne vertreten – nämlich sowohl als symbolische Form als auch als soziale Praxis – dann wirft dies diverse Probleme auf. Insbesondere stellen sich einige Fragen, die das Verhältnis von Gesellschaft, Medien, Subjektivität und Gewalt betreffen. Wie real ist die medial vermittelte Gewalt von Medienformaten einzustufen? Und wie medial muss real ausgeübte Gewalt adressiert werden? Welche Formen der medialen Vermittlung scheinen hier eine besondere Reichweite zu haben? Inwieweit verläuft Vergesellschaftung selbst über mediale Kanäle und inwieweit bezieht sie dabei die Repräsentation des sozial und kulturell Verfemten als Spektakel und als Spektakuläres systematisch mit ein? Auf welche Weise konstituiert sich Subjektivität inmitten dieser Konstellation medialer Überschneidungen mit jenen Hemisphären, die noch immer mit dem Attribut des ‚Authentischen‘ belegt sind?

Das Phänomen des Amoklaufs ist zweifellos nicht das einzige Phänomen der Gegenwart, das derartige Fragen zu generieren vermag. Aber in ihm wird die paradoxe Gemengelage einer die soziale Realität kommentierenden Medialität, die umgekehrt soziale Realität im Kommentar überhaupt erst wahr macht (wahr spricht), in der konsequentesten Form pointiert. Die geplante Tagung wird dieses Themenfeld über das Phänomen des Amoklaufs und dessen mediale Bearbeitungen aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven analysieren und aufschließen – Literatur-, Film- und Medienwissenschaftler_innen werden hier mit Soziologen und Gewaltforschern in den Austausch treten. Ziel der interdisziplinären Tagung ist es hierbei, mit der Austauschbeziehung zwischen Amokläufen und Medieninszenierungen ein bislang weitestgehend Desiderat gebliebenes Thema pointiert zu fokussieren.

Die Tagung findet am 25. und 26. Juni an der Justus-Liebig-Universität Gießen in Raum 001 des International Graduate Centre for the Study of Culture (GCSC), Alter Steinbacher Weg 38, Gießen, statt.
Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Veranstalter:
Prof. Dr. Jörn Ahrens, Silke Braselmann, M.A., International Graduate Centre for the Study of Culture (GCSC)

Programm

Donnerstag, 25. Juni 2015
Moderation: Silke Braselmann

14:00 Jörn Ahrens/Silke Braselmann: Eröffnung
14:30 Isabella von Treskow: Amok als Antwort. Zu medialen Darstellungen der Gewalt-Provokation.
15:30 Nils Böckler: Brothers and Sisters in Arms: Zur Rolle der Identifikation bei Schulamokläufen.
16.30-17:00 Kaffeepause
17:00 Marco Gerster: Symbole des Bösen und Enthymeme des Guten. Über die narrative Bewältigung von Amokläufen.

Freitag, 26. Juni 2015
Moderation: Jörn Ahrens
10:00 André Grzeszyk: Tödliche Bilder – Strategien der Selbstinszenierung von school shootern.
11:00 Jörn Ahrens: Tätersubjekte. Zur Konstruktion von Identitäten nach Amokläufen  12:00-13:30 Mittagspause
13:30 Ralf Junkerjürgen: Form und Ethik in spielfilmischen Inszenierungen von School Shootings. Reflexionen zu Elephant (2003), Polytechnique (2009) und We Need to Talk About Kevin (2011)
14:30 Daniel Ziegler: 22/7 und das Imaginäre der Gewalt.
15:30 Abschlussdiskussion
16:00 Tagungsende